Verteidigen befangene Wissenschaftler Annette Schavan?

In der Plagiatsaffäre um die Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) wurde das von Prof. Stefan Rohrbacher unterzeichnete Gutachten der Öffentlichkeit zugespielt. Wer das Dokument geleakt hat ist unklar. Klar ist nur, dass das Gutachten Annette Schavan in ihrer Dissertation eine “leitende Täuschungsabsicht konstatierte”.

Kurz nach Erscheinen des Gutachtens meldete die Presse, dass führende Wissenschaftler Annette Schavan verteidigen würden. Bei den führenden Wissenschaftlern handelt es sich um eine Handvoll von Personen aus meist fachfremden Gebieten. Deren Unterstützung von Schavan lässt sich anhand von  zwei Argumentationsmustern zusammenfassen: Die erste Gruppe folgte der Linie von Unionsfraktionschef Kauder (CDU) und attackierte die Glaubwürdigkeit der Universität Düsseldorf [siehe Die Welt], die zweite Gruppe kritisierte das Gutachten und sah keine Täuschungsabsicht.

In einem Interview mit der Zeitung Die Welt behauptete Kauder:

Alle an diesem Verfahren Beteiligten sind so eindeutig befangen. Deshalb muss das Verfahren so schnell wie möglich beendet werden. Es muss noch einmal an anderer Stelle von Anfang an neu begonnen werden – selbstverständlich auch mit neuen Gutachten.

Unter Befangenheit versteht man ein nicht unabhängiges Urteilsvermögen einer Person aufgrund einer im Speziellen vorliegenden persönlichen Motiv- oder Sachlage oder eingeschränkten Urteilsvermögens auf Grund von einseitig bewerteter, das heißt nicht in ausgewogenem Verhältnis vorliegenden Informationen bezeichnet. Eine befangene Person entscheidet damit auf der Grundlage eines Vorurteils [Wikipedia].

Kauder begründet stillschweigend die Befangenheit aller an diesem Verfahren Beteiligten damit, dass ein vertrauliches Gutachten der Universität Düsseldorf an die Öffentlichkeit gelangt ist. Es ist zur Zeit immer noch unklar, wer das Dokument der Presse zugespielt hat. Klar ist nur, dass die Universität Düsseldorf diesbezüglich eine Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt. Obwohl Kauder offenbar über keine weiterführende Informationen verfügt, verurteilt er alle Beteiligten des Promotionsverfahrens als befangen. Kauder setzt sich dabei nicht argumentativ mit dem Sachverhalt auseinander, sondern versucht die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten des Verfahrens in Frage zu stellen. Dieser Sachverhalt ist ein starkes Indiz dafür, dass Kauder als politischer Weggefährte Schavans selbst befangen sein könnte und zwar in zweifacher Hinsicht: Zum einen durch seine persönliche Sachlage als Unionsfraktionschef und zum anderen wegen seines Vorurteils.

Einige der “führenden” Wissenschaftler folgten dem Vorurteil von Kauder. Es stellt sich somit die Frage, ob Befangenheit auch für die meisten Wissenschaftler zutreffen könnte, die laut der Presse Annette Schavan verteidigen. Das ist etwa auch der Vorwurf des Rektors Piper der Uni Düsseldorf als Reaktion auf die harsche Kritik an seine Institution. Der Historiker Dr. Klaus Graf erklärt sich die Unterstützung aus der Wissenschaft für Annette Schavan auf ähnliche Weise wie Piper:

Als Hauptunterschied zwischen Annette Schavan und Karl-Theodor zu Guttenberg ist die Stärke der Vernetzung in der Wissenschaft Ursache der stärkeren wissenschaftlichen Rückendeckung Schavans.

Die folgende (unvollständige) Liste gibt einen Eindruck über die Verbindungen der Wissenschaftler mit Annette Schavan:

  • Prof. Dr. Helmut Schwarz ist Präsident der Alexander von Humboldt Stiftung, deren größter Mittelgeber das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ist. Abgesehen von der finanziellen Abhängigkeit der AvH Stiftung vom BMBF kennen sich Helmut Schwarz und Annette Schavan “persönlich”, wie Fotos von Preisverleihungen und anderen feierlichen Anlässen dokumentieren [Bilder]. Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit der möglichen Befangenheit von Schwarz findet sich hier. Seine Kritik:

“Es gab schwere Fehler in dem Verfahren – die Universität sollte nun eine zweite Person bitten, die Vorwürfe sachlich zu prüfen.” Es sei “skandalös”, dass die Öffentlichkeit vor der Betroffenen von den schwerwiegenden Vorwürfen erfahren habe.  [Süddeutsche Zeitung]

  • Prof. Dr. Wolfgang Frühwald war von 1999 bis 2007 Präsident der Alexander von Humboldt Stiftung und ist nun ihr Ehrenpräsident. Wie sein Kollege Helmut Schwarz kennt er auch Annette Schavan “persönlich” [Bilder]. Er sprach in der Süddeutschen Zeitung von einem “Skandal”. Nach der Vorab-Veröffentlichung könnten die zuständigen Gremien der Universität nicht mehr frei entscheiden. “Sie stehen nun unter öffentlichem Druck”, sagte er. Auch er forderte ein Zweitgutachten.
  • Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz ist Präsident der Humboldt Universität Berlin. Von 2002 bis 2010 war er (als Parteiloser) Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt für die CDU. Die Humboldt Universität wird vom Bund als Exzellenzuniversität gefördert. Die Exzellenzinitiative untersteht der Federführung des BMBF. Olbertz und Schavan haben ebenfalls das fröhliche Vergnügen einander bekannt zu sein [Bilder]. Mehr Details zu Olberts kan man hier und hier finden. Olbertz kritisierte die Universität Düsseldorf scharf:

Das Verfahren der Universität bezeichnete Olbertz “in seiner Beiläufigkeit schlicht unsäglich”. Es sei anzunehmen, dass der Bericht absichtlich vorab an die Öffentlichkeit lanciert worden sei und somit ein politisches Interesse bestehe. “Gerade, wenn es um die Überprüfung guter wissenschaftlicher Praxis geht, muss aber auch das Verfahren guter wissenschaftlicher Praxis entsprechen”, sagte der HU-Präsident. [Süddeutsche Zeitung]

  • Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth von der Humboldt Universität Berlin ist seit 2006 Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Steuerungsgruppe von BMBF und KMK zur Feststellung der Leistungsfähigkeit des Bildungswesens im internationalen Vergleich. Von 2003 bis 2004 war Tenorth Mitglied der Kommission zur Evaluation von Erziehungswissenschaft und Lehrerbildung in Baden-Württemberg, die damals der Kultusministerin Annette Schavan unterstand. Tenorth kam zusammen mit seinem Kollegen und Co-Autor Dietrich Benner zum Schluss, dass Schavan allenfalls “Zitierfehler, aber kein Plagiat” anzulasten sei. Ihre Methode sei in manchen Fällen “nicht schön, erlaubt aber nicht, diese Arbeitsweise pauschal unter Plagiatsverdacht zu stellen”. Tenorth und Benner kritisieren dabei das Gutachten von Rohrbacher, das offenbar beiden Professoren bereits kurz nach  Erscheinen vorlag. Dieser Sachverhalt wirft einige Fragen auf:
    • Wie kommt es, dass Tenorth und Benner ein vertrauliches Gutachten von Rohrbacher für ihre Analyse kurz nach Bekanntwerden erhalten? Wer hat ihnen ein Exemplar des Gutachtens gegeben? Die Universität Düsseldorf, die Presse oder aber etwa Annette Schavan, der ebenfalls ein Exemplar von der Uni Düsseldorf zugestellt wurde. Und warum ausgerechnet Tenorth, der bereits im Mai wusste, dass Schavan nicht plagiiert hatte?
    • Wie kommt es, dass beide Professoren Details aus einem vertraulichen Gutachten analysieren dürfen, ohne dass die Kollegen Schwarz, Frühwald und Co sie wegen zusätzlicher Belastung des Verfahrens kritisieren?
    • Die Argumente von Tenorth und Benner sind nicht verifizierbar, weil das Gutachten von Rohrbacher im Wortlaut Teilen der Presse aber nicht der Öffentlichkeit vorliegt. Offenbar unterscheidet sich das Gutachten von Rohrbacher gravierend von “Robert Schmidt” (schavanplag), da die Behauptungen von Tenorth und Benner kaum mit der Plagiatsdokumentation von schavanplag in Einklang zu bringen sind.
  • Prof. Dr. Margret Wintermantel ist Präsidentin der DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst). Die DAAD wird zu einem erheblichen Teil (etwa 25%) vom BMBF. Auch Margret Wintermantel kennt Annette Schavan persönlich [Bilder]. Margret Wintermantel kritisierte in der Süddeutschen Zeitung den Umgang mit Schavan:

Die ihr vorgeworfenen Fehler seien “doch meilenweit entfernt von dem, was wir bei Guttenberg gesehen haben. Man muss wortgleiche Übereinstimmungen mit anderen Werken ins Verhältnis setzen zur Leistung ihrer Arbeit. Bei Schavans Arbeit sei “ein wissenschaftlicher Gesamtertrag sicher erkennbar”. Integrität lasse sich nicht nur anhand von Textduplikaten prüfen.

  • Prof. Dr. Gerhard Wehle ist Doktorvater von Annette Schavan. Er betonte,

die Arbeit sei in sich stimmig. Er habe keine Zweifel an Schavans wissenschaftlicher Eigenleistung gehabt. Sonst hätte er der Fakultät die Arbeit nicht zur Annahme empfohlen. «Sie ist eine absolut integere Person», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Der «Rheinischen Post» sagte der emeritierte Pädagogikprofessor: «Die Arbeit entsprach absolut dem wissenschaftlichen Standard.» [Süddeutsche Zeitung]

Eine interessante Frage ist nun, wer von den ersten drei genannten Wissenschaftlern die Glaubwürdigkeit der Uni Düsseldorf angegriffen hätten, wenn das geleakte Gutachten keine “leitende Täuschungsabsicht konstatiert” hätte. Betrachtet man jedoch die Beziehungen zwischen den Professoren und Annette Schavan, so ist es schwer vorstellbar, dass sich die oben genannten Personen lautstark für ein neues Promotionsverfahren stark gemacht hätten.

Bemerkenswert an allem ist, dass mehr oder weniger renommierte Wissenschaftler, wie die oben genannten, sich wesentlich lautstärker über einen angeblichen Verfahrensfehler der Uni Düsseldorf echauffieren als über die “handwerklichen Fehler” in der wissenschaftlichen Arbeit Ihrer Kollegin Annette Schavan. Das zeigt, welche Priorität eine gute wissenschaftliche Praxis bei Wissenschaftsmanagern hat.

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3 Gedanken zu „Verteidigen befangene Wissenschaftler Annette Schavan?

  1. Pingback: Wie Schavan ihre Stellung ausnutzt | Wirtschaftsphilosoph

  2. Die Causa Schvan wird mehr und mehr zu einer Causa Merkel. noch nie gab es eine Regierung, in der es so viele Kabinettsumbildungen geben musste, wie die aktuelle Regierung unter Angela Merkel.
    Frau schvan hat als Kultusminiterin in Baden-Württemberg tolle Arbeit geleistet. Hut ab. Aber es geht natürlich nicht, dass sie Bildungsminiterin bleibt, wo auf ihrer wisenschaftlichen Doktorarbeit solche dunkeln Flecken zu sehen sind. Es ist ja noch nicht mal die Arbeit alleine, die kritisiert werden muss, sondern auch die Umstände, die zu dieser Arbeit führten. Frau Schavan war eine Stelle zugesichert worden, die einen akademischen Titel als Voraussetzung verlangte. Sie hatte aber keinen, Kein Diplom, keinen Magister, nichts dergleichen. Solche Abschlüsse sind aber in der Regel Voraussetzung, um überhaupt als Doktorand angenommen zu werden. Was lief damals schon schief?
    Und Merkel selbst, ist sie jetzt die Nächste auf der wiki-Plag-Liste? Es wäre nicht allzu verwunderlich, denn auch um ihre Dokotrarbeit ranken sich seltsame “Entstehungs”-Geschichten. Auch die Dame Nachfolgerin von Frau Schvan kommt ja aus dem Osten und hat dort studiert und ihre Abschlüsse gemacht. Werden wir von Frau Merkle “verplanwirtschaftet” mit getreuen Parteigenossinen und -genosssen, um mit Herrn “DeMisere” (De Maizire) auch mal einen Herrn in der Frauenriege zu benennen. Der Herr Der Drohnen! Der uns jetzt auch überwachen will, wie das seine altvorderen Ahnen schon hinter dem eisernen Vorhang getan haben.
    mir kommt es langsam so vor, als sei nicht die DDR als Staat “abgesickelt” worden, sondern die ehedem meinungsfreie BRD.

  3. Pingback: Schavan verliert Doktortitel - Seite 6

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